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Suicide Silence

Storie von: arne, am 19.02.2017 ]

Die Selbstbetitelung des fünften Longplayers hat ihre Gründe. SUICIDE SILENCE bleiben eine kompromisslose Band, die keine Konfrontationen scheut und darauf aus ist, starke Reaktionen hervor zu rufen. Seinen Extrem-Metal bzw. Deathcore kombiniert das kalifornische Quintett nunmehr mit Elementen aus dem Grunge-Rock und NuMetal. Das Resultat klingt zunächst unerwartet und anders, entwickelt jedoch schnell eine fesselnde Eigendynamik.

 
Schlagzeuger Alex Lopez stellt im Gespräch direkt zum Auftakt klar, dass es den Kaliforniern wichtig ist, als Gruppe fünf gleichberechtigter Musiker zu wachsen und ihren Sound organisch weiter zu entwickeln: „Bands, in denen die gesamte Kreativarbeit von nur einer Person, meistens einem Gitarristen stammt, mag ich nicht. Das hört man den Songs oftmals an, denn im Songwriting arbeiten diese Leute zumeist mit Programming und Vereinfachungen, die auch später bestehen bleiben. Es bringt einfach nichts, Musiker zu engagieren, etwas zu spielen, hinter dem sie nicht stehen und an dessen Songwriting sie nicht beteiligt waren. Ohne eine emotionale Bindung und kreative Mindestbeteiligung geht es nicht. Als ich damals zu SUICIDE SILENCE gestoßen bin, haben mir die anderen die Songs, die ich lernen sollte, vorgespielt, mir aber auch Freiheiten gewährt, mich einzubringen. Bloß meinen Vorgänger zu imitieren, wäre mir einfach zu wenig gewesen, denn das entspricht nicht meiner Natur. Als Musiker will und muss man immer seinen eigenen Stil ausleben und zeigen. Um ehrlich zu sein, hatte ich damals aber noch überhaupt keine Erfahrung mit Blastbeats. Innerhalb weniger Stunden habe ich mir das beigebracht, denn in den schnellen Passagen sind Blastbeats für SUICIDE SILENCE schon wesentlich. Zum Glück habe ich schon in der dritten Klasse mit dem Instrument begonnen und Musik über meinen großen Bruder kennen gelernt. Er hat Metallica, Iron Maiden und Slayer gehört, aber auch Depeche Mode und Nine Inch Nails oder Nirvana, Soundgarden und Alice In Chains. So hat sich mir die Welt von Metal und Rock eröffnet, weshalb ich schnell erkenne, worauf es in Songs ankommt und was natürlich klingt. Davon profitiere ich bis heute. Viele der genannten Bands sind gerade deshalb spannend, weil die Musiker experimentieren und jammen. Das entspricht meinem Zugang zur Musik. Ich möchte beständig neue Dinge ausprobieren und mich nicht wiederholen. Das freut vielleicht eingefleischte Fans, doch mir ist das zu wenig. Auch The Beatles haben sich im Verlauf ihrer Karriere enorm entwickelt und sind dennoch erfolgreich geblieben. Für unsere neuen Songs, die bereits veröffentlicht sind, werden wir derzeit regelrecht angefeindet, weil wir unseren Stil verändert haben. Natürlich klingen wir anders, denn wir sind älter und als Musiker gereift. Das Deathcore-Label haben wir uns niemals selbst gegeben. Warum sollten wir uns auch einengen? Wenn die Leute nun bemängeln, dass wir keinen Deathcore mehr spielen, muss ich erwidern, dass wir das unserem Verständnis nach ohnehin nie getan haben.“

Bricht man es auf den verbindenden Kern herunter, transportiert auch das neue Album den Ansatz, dem sich SUICIDE SILENCE schon immer verpflichtet fühlen. Die Kalifornier treten mutig und vorwärts gerichtet in Erscheinung – teilweise auch überraschend: „Insbesondere live wird man keinen großen Unterschied bemerken,“ zeigt sich Alex Lopez überzeugt. „Doch zurück zu den Beatles. Anfangs waren sie die „Fab Four“ und haben Motown-Songs wie ,You Really Got A Hold On Me‘ gespielt. Spätere Platten wie ,Revolver‘ oder ,Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band‘ haben damit nichts mehr zu tun. Der sich wandelnde Sound reflektiert die Veränderung der Persönlichkeiten der Musiker. Oder nehmen wir David Bowie. Er ist nicht seine ganze Karriere lang Ziggy Stardust geblieben, sondern hat sich verschiedener Persönlichkeiten bedient. Selbst Metallica sind eine deutliche Transformation durchlaufen von einer Thrash Metal-Band zum „Black Album“, mit dem viele Leute zunächst wenig anfangen konnten. Eingefleischte Fans haben ,Enter Sandman‘ oder ,Nothing Else Matters‘ überhaupt nicht verstanden und wussten nicht damit umzugehen. Natürlich war es anders, doch auch als klassische Metal-Band haben Metallica ihre Berechtigung gehabt. Schaut man halbwegs objektiv auf das damalige Umfeld, ist zu konstatieren, dass die meisten Gruppen sich kaum voneinander unterschieden haben und gleich klangen. Und dann waren da Metallica. Erst mit etwas Abstand haben die Leute begriffen, dass das „Black Album“ doch nicht so schlecht ist. Im Deathcore-Genre hat sich zuletzt eine ähnliche Situation


eingestellt. Fast alle Bands nehmen bei denselben Produzenten auf. Ja sicher, es gibt vier oder fünf, deren Namen ich nicht nennen möchte. Doch dieser Pool ist für einige Dutzend Bands zu klein. Inzwischen klingt im Genre doch alles mehr oder minder gleich. Deshalb bedeutet es mir so viel, dass wir merklich aus dem Rahmen fallen. Mir sagt es zu, wenn die Leute Parallelen zu KoRn und den Deftones heraus hören. Wir sind eine Band aus Kalifornien, wir sind eine West Coast-Metal-Band. Auch Verweise auf Rage Against The Machine oder Faith No More gefallen mir oder die zu Tool. Sie alle stammen aus unserer Gegend, und ich bin überzeugt davon, dass wir alle einen spezifischen Zugang zum Metal teilen. Wir kommen nun einmal nicht aus New York oder Australien. Was ich damit sagen möchte: Bands sollen sich nicht an überregionalen Größen orientieren, sondern ihrer Intuition folgen und sich von ihrem regionalen Umfeld inspirieren lassen.“ Das gilt für Musiker und Hörer gleichermaßen.

Der Schlagzeuger setzt zudem darauf, dass die Reaktion auf die neue SUICIDE SILENCE-Platte perspektivisch positiver ausfallen werden: „Ich kann mir gut vorstellen, dass die Leute unser neues Album jetzt als unwichtig abtun, weil sie es nicht verstehen. Dennoch hoffe ich, dass sie es zu einem späteren Zeitpunkt schätzen lernen. Was außer Frage steht: die vertonten Emotionen sind real, denn wir verstecken uns nicht, sondern öffnen uns vollends. Wir sind normale Typen, die wirklich auf ihren Instrumenten spielen, ihre Songs beherrschen und noch dazu voll hinter ihnen stehen. Wir haben es nicht absichtlich darauf angelegt, unser Spiel gravierend zu verändern. Uns war es aber wichtig, nach vorne zu gehen und neue Dinge zu probieren. Die Hörer sollen bei uns etwas finden, dass sie überrascht und fordert. Heutzutage gibt es ungemein viele Angebote, doch nur wenige von wirklich guter Qualität. Ganz bewusst haben wir eine Menge Zeit, Anstrengung und Geld in diese Platte gesteckt. Es wäre uns ein Leichtes, alles am Computer zu entwerfen und den einfachen Weg zu gehen. Doch genau das wollten wir nicht. Wir sind ohne Computer und Tricks ausgekommen. Man hört allein uns fünf. Das zu spielen, was die Leute erwarten und was leicht konsumierbar ist, stellt für uns keine Herausforderung dar. Deshalb wollten wir etwas Obskures zu erschaffen, etwas, dass Hörer zu Reaktionen zwingt. Und wenn sie uns hinterher hassen. Die Leute sollen sich eine eigene Meinung bilden. Viele lehnen uns nach dem ersten Hören ab, weil sie uns nicht fühlen können oder wollen. Musik kann man bekanntlich nicht sehen oder greifen. Entweder fühlt man etwas oder man tut es nicht. Wir haben ,Doris‘ auch deshalb ganz bewusst vorab ausgekoppelt, weil es ein provokantes Stück ist, von dem wir erwartet haben, dass sich die Geister daran scheiden. Genau das ist passiert. Uns geht es um Emotionen, ob nun negativ oder positiv. Das Lied und auch das Album insgesamt brauchen ihre Zeit.“

Alex Lopez weiß, was SUICIDE SILENCE zu bieten haben und was sie von anderen absetzt: „Ich verstehe es als klaren Vorteil, dass man bei uns jedes Band-Mitglied und jedes Instrument hört. Bei vielen Deathcore-Gruppen hört man nicht mehr als eine dicke Gitarrenspur und ein übertrieben klares Schlagzeug. Bei mir hingegen gibt es keine Click-Tracks, alles ist natürlich. Wir haben uns bewusst gegen den modernen Standard entschieden. So wie damals unser Debüt „The Cleansing“ ist unser neues Album quasi live eingespielt. Auch von der Attitüde her kommt der Vergleich hin. Wie wollten etwas schaffen, das anders ist und auffällt. Handwerklich ist unser Debüt simpel und teils dummdreist. Doch dafür ist es ein Selbstläufer, den man nicht erklären muss, sondern der einfach zündet. Bis heute sind SUICIDE SILENCE nicht für Handwerk oder verrückte Technik bekannt. Wir sind eher Punk Rock. Zur Entstehungszeit von „The Cleansing“ hatten wir kaum Fans und haben diese Platte de facto für uns geschrieben. Das neue Album ist aus einer ähnlichen Gefühlslage heraus entstanden. Wir drücken nichts anderes aus als das, was uns umtreibt und bewegt. So haben wir es aber eigentlich immer gehalten.“

 
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