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Cor

Interview von: Arne mit Friedemann, am: 21.03.2009 ]

Ein Beispiel dafür, welche Relevanz und Durchschlagskraft musikalischer Protest erlangen kann, kommt in Form des neuen Longplayers der Rügener von COR daher. Der Vierer redet nicht über Protest, sondern spielt ihn einfach. Und das lautstark! „Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere“ ist eine beinharte Platte mit überdeutlichen, reflektierten Texten und direkten, knalligen Sounds. Zwischen Street-Punk, Old School-Hardcore und Thrash Metal inszeniert das Quartett den selbst betitelten Trashrock Terror, der aufs Wesentliche reduziert einfach nur auf die Fresse gibt.

 

Musicscan: Bitte fasst anfangs das „Wesen“ von COR in 3 oder max. 4 Sätzen zusammen. Was muss (!) man über Euch wissen?

Cor: Vier Jungs, die selber große Fans handgemachter Musik von Punk, HC, Metal über Blues, RNR bis hin zu Ska sind, mixen sich aus ihren Vorlieben einen Sound den sie Trashrock nennen und den sie lieben, leben und auf ständigen Touren den Leuten mit Leidenschaft und Herz präsentieren. Das ganze wird mit deutschen Texten versehen, die unsere Einstellung zum Leben wiedergeben.

Musicscan: Mit dem Song ‚DIY’ stellt Eure Einstellung deutlich heraus. Wie ist es aber um die DIY-Szene in Mecklenburg-Vorpommern bestellt? Außer Wojczech, Dritte Wahl und Euch fallen mir spontan keine weiteren Gruppe ein. Gibt es eine rege „Szene“ in Meck-Pomm?

Cor: Ja, diese rege Szene gibt es. Sie ist sehr klein und übersichtlich, aber sehr aktiv! Zu dieser Szene möchten wir aber nicht nur die Bands zählen sondern auch die Clubs, die Fanzines und die Leute die zu den Konzerten und Veranstaltungen kommen! Jeder der sich in unserer Musikrichtung jenseits vom Mainstream bewegt, weiß wie kompliziert es ist gerade in unserem Bundesland etwas auf die Beine zu stellen und dann noch Leute zu aktivieren, die es besuchen und nicht nur auf Konsum und Gedankenlosigkeit stehen! Pures DIY, immer knapp am finanziellen Debakel aber trotzdem seit vielen Jahren da. Von diesem Einsatz leben auch wir als Band, nicht nur in MV sondern überall !

Musicscan: Fühlt Ihr Euch überhaupt einer „Szene“ verbunden, oder zieht Ihr einfach nur „Euer Ding“ durch?

Cor: Wir fühlen uns den Menschen verbunden, die wie wir auf Eigenständigkeit setzen! In unserem Song „Definition“ heißt es : „Den Kopf zum denken, mit Herz dabei, die Faust zum kämpfen! Lebe frei!“ Ich denke das sagt alles aus! Und da du diese eigenständigen, unabhängigen Menschen zumeist im sogenannten Underground findest, fühlen wir uns dort sehr wohl! Musikalisch und lebenstechnisch machen wir unser Ding und fühlen uns in unserer Haut ziemlich gut, denn wir müssen keine Erwartungen erfüllen.

Musicscan: Was gab für Euch den Ausschlag, ein eigenes Label aus dem Boden zu stampfen und wie gestaltet Ihr die „Business-Seite“ der Band? Läuft das eher über Tauschgeschäfte? Für kleine Labels ist es ja heutzutage schwierig, überhaupt noch Stellfläche in Läden zu bekommen, so dass man nicht zwangsläufig einen professionellen Vertrieb braucht.

Cor: Wir haben den „normalen“ Weg mit Label und Bookingagentur versucht, doch sehr schnell aufgegeben! Wir sind nun mal keine amerikanische Super-megaband mit der man richtig Kohle scheffeln kann – also waren die Anstrengungen der Damen und Herren auch eher dürftig! Also selbst ist der Mann ( oder sind die Männer) und das Label gegründet! Wir machen im Endeffekt alles selbst: Musik, Cover, Merchandising drucken und einen großen Teil der Promotion! Wir suchen uns dazu Partner ( Promoagentur, Vertrieb) die ähnlich wie wir ticken und mit denen man gut arbeiten kann! Das klappt sehr gut und ich kann es nur jeder Band empfehlen!! Es kostet nur – Zeit! Der Vorteil liegt auf der Hand – die Band steht hinter allem was sie raus bringt! Alles was von COR kommt ist auch 100 Prozent COR ! Ohne wenn und Aber , ohne Labeldruck o.ä. ! Das ganze passt gut zu unserer DIY Einstellung und wir wollen ja nicht nur davon singen sondern es auch leben!

Musicscan: Auf der neuen Platte gibt es auch ein klares Bekenntnis zum Vinyl und die „Verteufelung“ von MP3 usw. Als Vinyl-Sammler teile ich den ersten Punkt uneingeschränkt, doch das digitale Zeitalter hat auch für Bands Vorteile, die man anerkennen muss. Inwieweit profitieren COR von digitalen Plattformen wie myspace, itunes etc.?

Cor: Sicherlich hat das Digitale Zeitalter seine Vorteile für kleine Bands wie uns ( Onlinewerbung und Bandpräsentation, Downloadportale etc. )und der Song ist daher auch etwas ironisch zu sehen! Ich stehe aber dazu , dass man über die gute alte LP oft einen viel lebendigeren Sound hat! Bands sitzen oft jahrelang an einer Platte , feile an allen Details und die Verschwinden dann im MP 3 Gewaber, zusammengepresst auf ein Minimum an Sound !!! Das empfinde ich immer ein wenig respektlos gegenüber den Anstrengungen der Musiker! Um sich wirklich ein genaues Bild von einem Song oder einer kompletten Platte zu machen, sollte man sie sich zumindest auf CD oder wenn es geht auf Vinyl anhören! Außerdem bietet die LP ein größeren Rahmen für Artworks, Texte, Fotos etc.! Eine LP hat eine eigene Persönlichkeit, einen eigenen Sound und ( ich bin nicht verrückt) einen eigenen Geruch!! Ich will niemanden vorschreiben wie er seine Musik zu hören hat, nur eine Lanze fürs Vinyl brechen!

Musicscan: Viele Punk-Kombos nehmen es für sich in Anspruch, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und für Veränderungen und eine „bessere Welt“ einzustehen. Häufig mündet dieser Ansatz in Plattitüden und halbgaren „Kampfansagen“, die wenig Autenthizität besitzen. Teilt Ihr diese Einschätzung?

Cor: Wir beschreiben in unseren Songs die Realität, wie wir sie durch unsere Augen sehen und wir nehmen Stellung dazu, wie man etwas ändern kann ! Wir geben unser persönliches Empfinden wieder und nicht die allgemeine Lösung für die Probleme dieser Welt! Wir tun das in dem Bewusstsein, dass auch wir Menschen sind mit den selben negativen Eigenschaften wie alle anderen auch! Unser Vorteil ist, dass wir darüber nachdenken und Dinge verändern wollen! Das schönste ist , wenn sich Leute mit unserer Musik und den Texten beschäftigen und nicht alles schlucken! Ich diskutiere oft ( nach Gigs oder per Mail ) über bestimmte Inhalte! Und ich lasse mich auf andere Sichtweisen ein! Wer Texte schreibt und von deren Unfehlbarkeit überzeugt ist, sollte es sein lassen! Ein weiterer Punkt der mich an vielen Bands stört ist, dass sie von den einem Leben singen und ein ganz andres Leben! Das ist wenig authentisch und erntet nur ein müdes Lächeln!

Musicscan: „Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere“ ist eine deutliche Kampfansage und ein Beispiel dafür, welche Relevanz und Durchschlagskraft musikalischer Protest erlangen kann. Wie wichtig ist es Euch, sowohl musikalisch als auch textlich deutlich und direkt auf den Punkt zu kommen?

Cor: Ich schreibe die Texte und bin von meiner Person her ein Freund deutlicher Worte! Das liegt zum einen daran, dass ich kein großer Poet bin und zum anderen will ich die Menschen erreichen, die meine oder ähnliche Probleme haben! Und die sprechen eher eine deutliche, verständliche Sprache! COR machen Musik mit Aussage ! Unterhaltungsmusik kommt von anderen, dass ist nicht unser Ding! COR wollen anregen, anstoßen und manchmal provozieren. Dazu nutzen wir Musik und Text!

Musicscan: In den Tracks von COR kommen Street-Punk, Old School-Hardcore und Thrash Metal zusammen, was Ihr treffend als ‚Trashrock Terror’ betitelt. Weshalb sind solch rohe und direkte Sounds heute nicht mehr so verbreitet und warum klingt Ihr gerade so, wie Ihr es tut?

Cor: Wir sind ziemlich engagierte und auch wütende Menschen, die die Welt in der sie leben kritisch betrachten und nicht alles einfach nur an – und hinnehmen. Diesen Druck unter dem wir stehen, legen wir in unsere Musik um! Deshalb klingen wir ziemlich roh und direkt! Und da wir nicht vorhaben die Charts zu stürmen werden wir einen Teufel tun diesen Sound im Studio glatt zu bügeln! Wenn wir klingen wie jede andere Band, braucht uns keine Sau! Also lieber ein wenig schief und zwischen den Stühlen, dann gibt es wenigstens keine Verwechselungen.

Musicscan: Das neue Album startet bissig und temporeich, doch mit zunehmender Länge gibt es auch „verträgliche“ Töne. War es Euch wichtig, „zwei Seiten“ von COR heraus zu stellen?

Cor: Das geschieht einfach über die Jahre und da wir uns nicht einem Stil verpflichtet fühlen, haben wir auch die Möglichkeiten zu experimentieren! So ist z.B. „Geld“ entstanden, der eigentlich im Stile von Ton Steine Scherben geschrieben wurde, dann aber durch die Bläsersätze eine völlig andere Richtung bekam! Auch das ist das Gute am ungezwungenen Musizieren! Du fängst einfach an, lässt dich treiben und kommst irgendwo in der Fremde raus! Wenn du dann noch einen Song in den Händen hältst der dich glücklich macht, kann es nicht schöner sein!

Musicscan: Mit den Jahren wachsen die Verpflichtungen, die man neben der Band hat – Berufe, Familien usw. Inwieweit haben sich persönliche Veränderungen auf die Musik und Texte von COR ausgewirkt? Hier und da kommt auch eine gewisse „Verantwortung und Reife“ durch, die das ungestüme und direkte Moment kurzzeitig in den Hintergrund drängt.

Cor: ¾ der Band sind noch ohne jede Verpflichtung und sehr jung! Für sie gibt es nur die Band, Musik und das momentane Leben! Bei mir bemerke ich sicher die eine oder andere „Alterserscheinung“! Ich explodiere nicht mehr sofort, denke länger in bestimmten Situationen nach und suche nach Auswegen die nicht unbedingt mit dem Kopf durch die Wand führen! Diese Stimmung überträgt sich natürlich auch auf die Texte oder die Musik! Aber ich denke ich habe immer noch genug Wut im Bauch, das ich keine Angst vor Vorzeitiger Vergreisung haben muss ! Vor allem Live gelobe ich oft vor dem Gig Beherrschung und dann brennen mir regelmäßig alles Sicherungen durch! Wenn ich mal ein alter Knacker bin mache ich Blues !

Musicscan: Es scheint so zu sein, als würdet Ihr im Songwriting vor allem intuitiv und selten wirklich geplant vorgehen. Ist dem so? Wie entstehen Eure Songs und woran erkennt Ihr, das ein Song gut ist und es verdient, auf die nächste Platte zu kommen?

Cor: Wir sind keine musikalischen Genies, dass ist klar! Ich persönlich liebe einfache Strophe, Refrain, Solo, Strophe – Songs und kann daran nichts schlechtes finden! Die großen musikalischen Meisterwerke machen sicher andere, wir schreiben Lieder! Wir proben sehr viel und gern ! Die Instrumentalisten nehmen zusammen ihre Ideen auf und spielen sie mir vor. Ich sehe dann zu was Song – und Stimmungstechnisch passt und dann entwickelt sich langsam ein Lied. Wir bauen dann ein Grundgerüst und verfeinern wenn nötig mit instrumental Parts, Solos oder Wiederholungen. Dieser Prozess zeiht sich über Wochen und wir spielen das Lied immer wieder. Macht es nach einer gewissen Zeit immer noch Spass den Song zu spielen und man hat ihn auch außerhalb des Proberaums im Kopf, schafft er es auch auf die nächste Platte! Wir machen eigentlich ständig neue Lieder und haben sehr viel Material zur Auswahl!

Musicscan: Wie lange hat es gedauert, bis Ihr die Songreihenfolge für „Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere“ fertig hattet?

Cor: Das ist immer ein schwieriger Prozess! Da werden eine ganze Menge CD-R´s verbraucht , bis alle einigermaßen zufrieden sind! Es bleibt natürlich immer Geschmackssache und ist Stimmungsabhängig und jeder hat andere Favoriten ! Aber wir vermitteln das und ich glaube es hat zu dieser Platte ca. 2 Wochen in Anspruch genommen!

Musicscan: Letzte Worte?

Cor: Um COR wirklich kennen zulernen und zu begreifen ist ein Konzertbesuch angebracht!! Ansonsten Danke fürs Interesse und fürs Lesen!!!

 
 Links:
  myspace.com/ruegencore
 
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